Olga Heindl

Olga Heindl, geborene Bostianchich, kam am 5. September 1869 im mährischen Wischau/ Vyškov zur Welt.
Sie starb am 1. Juli 1947 in Wien. Ihr Vater August Bostianchich war Finanz-Commisär, die Mutter, Bertha
(Baronin) von Braun, stammte aus dem westukrainischen Lemberg/Lwiw. Von ihrem Geburtsort, an die 170
Kilometer nordöstlich von Wien gelegen, führte sie ihr Weg in die Donaumetropole. Hier absolvierte sie
die Ausbildung zur Lehrerin und vollendete ihre Karriere schließlich als Schuldirektorin. 1896 heiratete
sie den Arzt Dr. Josef Heindl (1865-1917). Der gemeinsame Sohn Hermann (1898-1960) studierte Jus und wurde
Sekretär in der Wiener Arbeiterkammer mit dem Schwerpunkt Arbeits- und Sozialrecht. Als Parteigenosse war
auch er durch regelmäßige Vorträge in der Öffentlichkeit präsent. Durch ihre Vermählung avancierte Olga
Heindl außerdem zur Schwägerin eines anderen engagierten Pädagogen dem späteren Obmann der
Sozialdemokratie – Karl Seitz (1869-1950). Die Schwester ihres Ehemanns - Emilie Heindl (1868-1943) -
war die Ehefrau des prominenten und überaus populären Politikers. Dieser sollte schließlich von 1923 bis
1934 zusammen mit einem engagierten Team als Wiener Bürgermeister ein weltweit beispielhaftes kommunales
Programm zur Hebung der allgemeinen Lebensumstände seiner Geburtsstadt durchführen. Dazu zählten sozialer
Wohnbau, Schulreform und Gesundheitspolitik. Es erreichte europäischen Vorbildcharakter und ging als Blüte
des „Roten Wien“ in die Geschichte ein. Nach der Ausschaltung des Parlaments 1933 wurde es durch den
folgenden autokratischen Ständestaat radikal beendet.
In den Familien Seitz und Heindl wehte ein überzeugter sozialdemokratischer Wind, der ihre verschiedenen
Projekte durchblies. 1909 wurde Olga Heindl zur Armenrätin gewählt , 1911 zur Waisenrätin von Ottakring.
Dieses klassische Wiener Arbeiterviertel war nicht nur Schwerpunkt ihres Aktionsgebietes sondern auch das
ihres Mannes. Dieser lebte für die Kranken was ihn zum „Armenarzt von Ottakring“ aufsteigen ließ.
Tragischerweise erlag der Endvierziger im Frühling des Kriegsjahres 1917 während einer Bahnfahrt einer
Herzattacke. Die Witwe ihrerseits widmete sich unermüdlich ihrem sozialen und bildungspolitischen
Engagement. Während des Ersten Weltkriegs gründete sie Schulküchen, um hungernde Kinder mit einer Mahlzeit
zu versorgen. Als es 1915 zum Spendenaufruf für den Bau einer Waldschule kam, wurde dieser auch tatkräftig
von Olga Heindl unterstützt. Die Waldschulen verfolgten ein gesundheitliches und pädagogisches Prinzip. Im
Kampf gegen Tuberkulose sollten sie, da im Grünen errichtet, Kinder während der Schulzeit mit guter Luft und
anspruchsvolle Didaktik versorgen. Die erste von ihnen war vom 1914 gegründeten Verein Bereitschaft ins
Leben gerufen worden, in dem zahlreiche Freimaurer ihr Betätigungsfeld fanden. Da sie jedoch nur
provisorisch untergebracht war und die Gemeinde Wien in Ottakring einen Baugrund zur Verfügung gestellt
hatte, suchte man mittels Aufruf in Zeitungen um finanzielle Unterstützung für die Errichtung des neuen
Gebäudes.
1924 feierte der Zentral-Krippenverein als ältester privat finanzierter Fürsorgeverein Österreichs sein
75-jähriges Bestandsjubiläum. Ursprünglich als eine durch christliche Nächstenliebe und adeligem
Wohltätigkeitsdenken erfüllte Organisation angetreten, war er durch die neue Direktion von Olga Heindl
nun endgültig im linksaktivistischen Bürgertum angekommen. Zu diesem Zeitpunkt unterhielt er vier
Kindergärten, befand sich jedoch in den schwierigen Nachkriegszeiten in finanzieller Notlage. Diese
stellte eine besondere Herausforderung für seine Präsidentin Olga Heindl dar, die einem weitgehend
männlichem Direktorium vorsaß. Die Umtriebige entspann nun vom Sitz in der Seilerstätte 10 ihr Netzwerk.
Nur ein Jahr später eröffnete die Präsidentin im Kaufhaus Gerngroß eine Ausstellung des Krippenvereins,
die die Bevölkerung bezüglich notwendiger Informationen zur Kindererziehung und Hygiene versorgen sollte.
In den schwierigen Zeiten der sogenannten „Goldenen Zwanzigerjahre“ gelang ihr zusammen mit anderen die
Schöpfung einer neuen Subinstitution dieses Vereins. Diese konnte 1926 als Säuglings- und Mütterheim in
Ottakring, in der Seitenberggasse 2 durch Bürgermeister und Schwager Karl Seitz zusammen mit
sozialdemokratischer Prominenz feierlich eröffnet werden. Ihr angegliedert sorgte nun eine eigene Schule
für die Ausbildung von Pflegerinnen.
Das Heim, dessen Leitung Olga Heindl übernommen hatte, besaß 75 Plätze und bot armen Müttern und ihren
Kindern Unterkunft, Verpflegung und professionelle Betreuung. Es war in erster Linie durch private
Spenden errichtet worden und die Leiterin sah sich trotz der geglückten Vollendung noch mit verbleibenden
Schulden konfrontiert, die sie unter anderem durch Benefizkonzerte zu reduzieren suchte. Auch
Silberbroschen des bekannten Medailleurs und Keramikkünstlers Michael Powolny, die in der Wiener
Werkstätte produziert wurden und die Inschrift des Vereins trugen, kamen 1927 in Umlauf. Die Lösung des
großen Bedarfs an Kindergärten und Fürsorgeeinrichtungen jenseits privater Initiativen blieb allerdings
weiterhin ein Desiderat der kommunalen Verwaltung.
1927 trat Olga Heindl der Loge Vertrauen des Le Droit Humain Österreich bei, in der Männer und Frauen
gleichberechtigt wirkten. Sohn Hermann folgte ihrem Beispiel. Sein Weg führte ihn allerdings ein Jahr
später in die rein männliche Brüderkette. Er verließ sie, wie viele andere auch, 1933, zum eigenen
Schutz und jenem der Loge. Seine Mutter trat bereits 1932 aus. Ihr Zentral-Krippenverein konnte jedoch
noch weiter mit finanzieller Unterstützung der Großloge von Wien rechnen. Als professionelle Vortragende
nützte sie zur Weiterbildung von Müttern Ende der 1920er Jahre auch das Radio. Sportliche Betätigung,
kulturelle Angebote, handwerkliche Schwerpunkte und die Enttabuisierung der Sexualerziehung lagen ihr
dabei besonders am Herzen. Die Abwendung von autoritären Erziehungsmodellen wollte sie durch ein
freundschaftliches Verhältnis zwischen Müttern und Kindern abgelöst wissen, denn die Erwachsenen sollten
als Beraterinnen ihres Nachwuchses auftreten. Ihr Verständnis von Erziehung erweiterte sie bei ihren
öffentlichen Auftritten und dehnte ihren Aufruf zur notwendigen Internationalität, allgemeinen
Friedensbereitschaft und tätigem Gemeinsinn von Kindern und Eltern aus. Damit machten sich die Heindl
und ihr Medium die „Ravag“ 1929 zur Zielscheibe heftiger Kritik. In Zeiten der deutschen Aufrüstung und
jener von österreichischen paramilitärischen Vereinigungen wie dem sozialdemokratischen Schutzbund und
der christlich-sozialen Heimwehr galt ihre Friedensmission manchen Kräften geradezu als abzulehnende
„pazifistische Propaganda“.
Bevor die Kritik öffentlich wurde, ereilte Heindl jedoch Anfang 1929 die freudige Nachricht, dass ihr für
ihre Verdienste das Goldene Verdienstzeichen der Republik Österreich durch den Bundespräsidenten
Wilhelm Miklas 1929 verliehen werden sollte. Nur ein paar Monate später lancierte die Ostdeutsche
Rundschau wegen ihrer Radiovorträge ein mediales Kesseltreiben gegen sie. Die politischen Verhältnisse
spitzten sich nach der Ausschaltung des Parlaments 1933 und dem Bürgerkrieg von 1934 zu. Die
Sozialdemokratische Arbeiterpartei wurde verboten, viele Mitglieder verloren ihre Arbeit, landeten im
Gefängnis oder mussten fliehen. Für die in Österreich Verbliebenen hieß es, mit Vorsicht zu agieren und
nicht zu verzweifeln. Olga Heindls Schwager, der Wiener Bürgermeister, befand sich bereits in Haft, ebenso
ihr Sohn Hermann. Sorgen und Ängste wuchsen. Auch ihre öffentliche Stimme verstummte in der Zeit des
Autrofaschismus. Einzig 1937 wagte sie es, via Radio das 90 Jahre-Jubiläum des Zentral-Krippenvereins
zu zelebrieren.
Den Zweiten Weltkrieg überlebte Olga Heindl ebenso wie ihr Schwager Karl Seitz, der sogar das
Konzentrationslager Ravensbrück überstand. Bereits im Sommer 1946 trat die Betagte mit der Eröffnung
des einzigen privaten Kinderheims in Wien Speising mit ihrem Zentral-Krippenverein wieder in Erscheinung.
Unter ihrer Ägide hatte sie diesen privaten Wohltätigkeitsverein 25 Jahre lang durch die Turbulenzen der
Zeit geführt. Nun bot das Heim „eine Oase des Glücks inmitten einer schwergeprüften Stadt.“ Ein Jahr
später verstarb die leidenschaftliche Pädagogin, die ihr Leben der Erziehung gewidmet hatte. Sie ruht
zusammen mit ihrem Mann, den sie um 30 Jahre überlebte, am Ottakringer Friedhof in einem Familiengrab.
2003 wurde der Zentral-Krippenverein am Laaerberg als BIWAK, als eine Wohngemeinschaft von Kindern mit
besonderen Bedürfnissen, neu ausgerichtet.
Quelle: Archiv und Forschung des LE DROIT HUMAIN Österreich
Link:
Olga Heindl auf der Plattform WIEN GESCHICHTE WIKI
zurück zur Galerie der Erinnerung